Histaminüberreaktionen am Beispiel der Kälteallergie

Die „klassischen“ Allergien wurden an dieser Stelle schon häufiger besprochen. Es wurde schon dargestellt, dass Allergien als Protestreaktion im Zusammenhang mit jenen Themen zu verstehen sind, die das jeweilige Allergen, sei es ein Tier, eine Pflanze oder ein Nahrungsmittel, symbolisiert, beispielsweise die Pollen die Kreativität, der Hausstaub das anspruchslose, ärmliche Leben.

 

„Die Nase voll haben“

Dabei gehören neben Hautreaktionen vor allem Symptome wie chronischer Schnupfen, Niesanfälle und tränende Augen zu den „Dauerthemen“ unserer nonverbalen Aussagen. Wenn wir bedenken, wofür diese Symptome stehen, wird leicht verständlich, warum es fast scheint, als habe sich die Allergie inzwischen zu einem beliebten Verhaltensmuster, einer Art Übersprungreaktion entwickelt. Denn „die Nase voll haben“ und dies lauthals herausplatzen und den eigenen trotzigen Gefühlen statt mit Worten mit Tränen Ausdruck zu verleihen – all das scheint einfacher zu sein als klare verbale Aussagen. So erkennen wir am Ansteigen von allergischen Erkrankungen vor allem, dass der Individualisierungsprozess eben doch nicht so ganz einfach zu bewältigen und nicht immer ganz umsetzbar ist. Zum Beispiel:

 

Je geringer die eigene Kommunikationsfähigkeit ausgeprägt ist, desto größer die Versuchung, Symptome und Allergien als Kommunikationsform zu benutzen.

 

Pseudo-Allergien wie Laktose-Intoleranz oder Kälteallergie

Allerdings existieren auch Allergien bzw. Pseudoallergien, mit denen der Patient nicht durch lautstarke Äußerungen auf sich aufmerksam macht. Dazu gehören beispielsweise die Laktose-Intoleranz, die so genannte Kälteallergie, Aspirin-Intoleranz oder allergische Reaktionen auf Antibiotika sowie auch auf künstliche Nahrungsmittelinhalts- oder -zusatzstoffe.

Dabei ist beispielsweise die Kälteurtikaria weiter verbreitet als allgemein angenommen. Es kommt zu Histaminausschüttungen in den Mastzellen der Unterhaut, die sich als Hautrötung, schmerzhaftes Kribbeln und Anschwellen der betroffenen Hautpartien bemerkbar machen, es entsteht ein Gefühl großer Hitze und Spannung.

 

Bei Patienten, die eine Kälteallergie entwickeln, ist mindestens eine tiefgängige, unbewältigte „Frustsituation“ zu entdecken.

 

Häufig handelt es sich um den Verlust eines Elternteils, das plötzlich aus dem Leben des Kälteallergikers entschwunden ist. Dabei handelt es sich meist nicht um einen Todesfall, sondern um einen Bruch mit einem eigentlich geliebten Menschen, der zu Gunsten des anderen Elternteils unabdingbar wird. 

 

 

Kälteallergie – Ein Beispiel aus der Praxis

Der sexuell äußerst aktive Vater einer Tochter, lässt seine Frau durch seine sexuellen, für sie unerfüllbaren Forderungen, an sich, und anschließend durch seine Affären leiden – und muss daraufhin die Familie verlassen. Die unterdessen 15jährige Tochter sorgt selbst dafür, dass der Vater zu seiner Geliebten zieht. Ein weiterer Kontakt zu dem eigentlich geliebten Vater findet aus Loyalität zur Mutter nicht mehr statt. Kurze Zeit später trat bei der Tochter die erste Kälteallergie in Erscheinung.

 

Die Repertorisation der Kälteallergie-Symptome

Sie zeigt einen Menschen, der aus seiner inneren Mitte gefallen ist (Urtica urens), der sich aus einem Schutzbedürfnis heraus prostituiert (Moschus), in diesem Fall der Mutter gegenüber, sich jedoch vergewaltigt fühlt (Kreosotum), aktiv gegen seine eigenen Interessen handelt (Cantharis), letztlich die Lebenslust verweigert und andere dafür verantwortlich macht (Hydrastis).

Der Ort der Histaminausschüttung, die Unterhaut, weist uns dabei darauf hin, dass Konflikte im Kontakt mit anderen im doppelten Wortsinn „unter die Haut“ gehen – der Abgrenzungszwang wird stark unterdrückt und „kocht“ sozusagen unter der Oberfläche.

 

Histaminum muriaticum steht In der homöopathischen Potenz für die „Überschießende Aktivität als Überlebenskonzept“.

 

Typische Indikationen für Histaminum sind:

  • Aktivität bessert Symptome
  • Allergie
  • Heuschnupfen = Heufieber
  • Hypotonie = Blutdruckerniedrigung
  • Ungeduld

 

Reaktionen und Lebenssituationen von Histamin-Patienten

Hier liegt häufig eine Lebenssituation vor, in der überschießende Reaktionen als Folge von tiefer Verletzung und vielleicht sogar geprägter Todesangst, ein Gefühl chronischer Bedrohung und Panikreaktionen eine erhebliche Rolle spielen. Unbewusste sinnliche Wahrnehmungen wie beispielsweise Gerüche, Temperaturen oder Situationen setzen sofort ein spezielles Verhaltensmuster, ein Überlebenskonzept in Gang. Menschen in dieser Situation verspüren eine extreme körperliche oder emotionale Überspannung bzw. großen Handlungsdruck. Dabei ist die Panikreaktion umso stärker, je höher der angestaute Druck ist. Ein körperliches Ausagieren wird nun dringend notwendig.

 

Behandlungsverlauf von Histamin-Patienten

Nach der Gabe von Histaminum werden anhand der Folgemittel die tiefer liegenden, miasmatischen oder karmischen Themen wie massive Existenz- (Arsenicum album) und Erwartungsängste (Gelsemium) sowie das Bedürfnis, Unterstützung (Calcium carbonicum) und Versorgung zu erzwingen, sichtbar. Die Aufgabe besteht nun darin zu lernen, die Lebenskraft für sich selbst einzusetzen (Carbo vegetabilis) und damit das paradoxe emotionale Handeln (Ignatia amara), das aus Abhängigkeitsgefühlen (China officinalis) entstehen kann, aufzulösen. Eine Auseinandersetzung (Pulsatilla pratensis) mit den Ursachen der tiefen Todesängste ist jetzt dringend ratsam. Ängste und Befürchtungen im Zusammenhang mit Auseinandersetzungen können unter Umständen nur ein anderer Ausdruck eines „Sich-Entziehen-Wollens“ sein.

 

Der Schuldkomplex der Patientin

Im Kommunikationsrepertoire von Patienten finden sich häufig Symptome, die auf den ersten Blick, aber eben nur auf diesen eindeutig erscheinen:

Ein in kritischen Situationen starker Schuldkomplex obiger Kälteurtikaria-Patientin, äußerte sich darin, dass sie in einer Gruppe alle Schuldzuweisungen an jeden der Gruppe, die irgendwann auch durch einen dritten ausgesprochen wurden, ständig und wie zwanghaft auf sich  ziehen musste. Kurz: Sie war immer Schuld! Diese Verhaltensweise entpuppte sich bei genauem Hinsehen als ein Verhaltens- und Kommunikationsmuster der Konfliktverweigerung. Jedes Mal, wenn sie sich durch irgendetwas ins Unrecht gesetzt sah kommunizierte sie mit über ein für andere unerklärliches Schuldgefühl. Verständlich wird dies erst, wenn man bedenkt, dass sie den Vater sogar selbst der Familie verwiesen hatte ohne dass sie auf ihre eigenen Gefühle ihre eigene Zuneigung zum Vater, Rücksicht nahm. Hier finden wir deutlich ein Sich-Entziehen-Wollen und das Konfliktverweigerungspotenzial von Pulsatilla.

 

Schock – Die extreme Folge der Konfliktverweigerung bei der Kälteallergie

Eine möglicherweise lebensbedrohlich werdene Gefahrensituation der Kälteurtikaria ist ein anaphylaktischer Schock, der beispielweise bei einem Sprung in kaltes Wasser auftreten kann. Das plötzliche unerwartete Eintauchen in „emotionale Tiefen“,  denn Wasser symbolisiert das Gefühl, führt erst einmal zum Schock, der in diesem Falle als Wiederholung der vergangenen und verdrängten emotionalen Schocksituation zu werten ist. Der darauf folgende Kreislaufkollaps ist als Fluchtreaktion im Sinne einer Todessehnsucht anzusehen. In der Ersten Hilfe wird in solchen Fällen das Hochlagern der Beine empfohlen, damit das Gehirn wieder besser durchblutet wird, das Leben wieder in Fluss gerät und Lebensfreude wieder empfunden werden kann. Symbolisch steht für die Besserung des Befindens durch das Hochlagern der Beine die kurzfristige Entlastung eines schwerwiegenden Druckes, nämlich den eigenen Weg gehen zu müssen und so ehrlich und authentisch zu sein. Konfliktverdrängung behindert diesen Prozess aus Schwerste.

 

Intoleranzen der Patienten

Zusätzlich zu den Symptomen der Kälteallergie trat bei dieser Patientin, eine Intoleranz-Reaktion auf Aspirin, dem Wirkstoff Acidum Salicylicum auf, die sich in extrem schnell auftretenden, entstellenden Angioödemen im Bereich der Enden der Facialnerven und um die Lippen äußerte. Die Patientin entwickelte wie aufgespritzte sinnliche Lippen. Diese „Darstellung“ des Gesichtes symbolisiert einerseits eine Maskierung des eigenen sinnlichen Ausdrucks, andererseits auch die Unfähigkeit dieses Menschen, seine emotionale Seite, sein wahres Gesicht im normalen Leben zu zeigen. Nach der Gabe von Salycilicum acidum C 50 000 in homöopathischer Form löste sich die Spannung sehr schnell, und die Schwellung klang innerhalb kürzester Zeit vollständig ab. Diese Arznei mit der psychologischen Bedeutung „Unfähigkeit, sich darüber zu äußern, dass das Leben als Kampf auf der Basis eines frustrierten Standpunktes angesehen wird“ passte sehr gut als quasi Komplikation der Kälteallergie. Sie war als Konfliktunfähig- oder -willigkeit aufgepfropft auf das eigentliche Trauma.

 

Selbstverrat als vermeintlicher Ausweg

Um wirklich gesund zu werden musste die Patientin lernen zu ihren eigenen Gefühlen zu stehen, die durchaus anders waren, als die der Mutter. Um dazu zu stehen musste sie begreifen und den Mut dazu entwickeln, dass sie dem, von der Mutter ungeliebten Vater viel ähnlicher war, als sie zugab. Mit diesem Selbstgeständnis fürchtete sie die gleiche Ablehnung durch die Mutter, wie sie es von der Mutter dem Vater gegenüber erlebt hatte. Da sie als  15jährige offensichtlich noch den Schutz der Mutter zu benötigen meinte, entwickelte sie ihr Verhaltensmuster des Selbstverrats.

 

Fazit

Diese Patientin hatte für ihren Heilungsprozess die Aufgabe die „überloyale“ Situation gegenüber ihrer Mutter zu lösen (Kälteallergie), um so ihren eigenen Standpunkt zum Vater beziehen zu können (Aspirin-Allergie). Dieser war offensichtlich viel „sinnlicher“, auch bezogen auf die ganze Männerwelt, als sie bis dato sich selbst zugeben konnte. Nach der Heilung der Kälteallergie war sofort eine Veränderung in der Mann-Frau Beziehung auf partnerschaftlicher Ebene zu beobachten. Die Patientin hat mit über 43 Jahren geheiratet.

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Literatur:
Antonie Peppler: Die psychologische Bedeutung homöopathischer Arzneien (Bd. I und II). CKH-Verlag Großheubach
Antonie Peppler: Bedeutung der Symptome und Krankheitsbilder zum besseren Verständnis der homöopathischen Anamnese. CKH-Verlag Großheubach

 

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