Erste Begegnung mit der Vergewaltigungs-Patientin Vor einigen Jahren fand auf den Canaren, der Insel La Gomera, ein homöopathisches Ferienseminar statt. Die Betreiberin der Pension, eine alte Bekannte aus Deutschland, bat mich als Homöopathin, mir doch einen weiteren Gast mit gesundheitlichen Problemen anzusehen. Die Sprache der Symptome Es war eine Frau von 34 Jahren, unscheinbar farblos […]

Schlagwörter: Behandlung / Missbrauch / Patientenfall / Vergewaltigung

Erste Begegnung mit der Vergewaltigungs-Patientin

Vor einigen Jahren fand auf den Canaren, der Insel La Gomera, ein homöopathisches Ferienseminar statt. Die Betreiberin der Pension, eine alte Bekannte aus Deutschland, bat mich als Homöopathin, mir doch einen weiteren Gast mit gesundheitlichen Problemen anzusehen.

Die Sprache der Symptome

Es war eine Frau von 34 Jahren, unscheinbar farblos gekleidet. Sie hatte die Busfahrt von San Sebastian zur Pension ganz schlecht vertragen; es war ihr eine ¾ Stunde nach der Ankunft immer noch übel und schwindelig. Sie machte auf mich einen schwachen und unruhigen Eindruck. Ich gab ihr Arsenicum album in C 50.000. Da mir außerdem ein helles Dreieck im Nasen-Oberlippen-Bereich auffiel und dieses Zeichen sehr typisch für Sepia succus ist, gab ich ihr es in C 50.000 dazu.

Aufgrund dieser beiden Mittelgaben ging es ihr sofort besser und innerhalb von 5 Minuten waren die Beschwerden gänzlich verschwunden. Die exakt notwendige Behandlungsweise dieser akuten Symptome: Übelkeit und Schwindel nach einer Busfahrt ist einfacher zu verstehen, wenn man sich diese auf ein plastisches Bild überträgt. Ganz knapp umrissen hieße die Busfahrt und deren Folgen, dass einer anderen Person die Entscheidung über die Eigendynamik (eigene Fortentwicklung) überlassen wurde. Als Resultat dessen findet man es zum Erbrechen, dass man seine Kontrolle abgegeben hat.

Diese Vorstellungsweise nenne ich in meinen Studiengängen die psychologische Bedeutung der Symptome. Erkennt man ein Symptom als Ausdruck des Körpers, der auf einen vorliegenden Mißstand zwischen den eigenen Bedürfnissen und dem, was der Mensch tut, so ist eine klare Deutung mühelos.

Symptomsprache und Homöopathische Arzneien

Ebenso wie jedes Symptom eine klare Aussage darstellt, hat jedes homöopathische Arzneimittel eine ebenso klare Aussage. Indem man die Sprache des Symptoms mit einem homöopathischen Arzneimittel beantwortet, braucht der Körper es nicht länger zu produzieren, um einen Veränderungswunsch auszudrücken.

Arsenicum album hat die psychologische Bedeutung:

„Existenzangst – lieber sterben als sich verändern“

Mit Arsenicum album wurde die Aussage, dass einer anderen Person die Steuerung übergeben wurde, beantwortet.

Sepia succus hat die psychologische Bedeutung:

„Sehnsucht nach Harmonie, die aber so sein muss, wie sie erträumt wird“.

Mit Sepia succus wurde die Aussage, dass man seine Situation nicht jemand anderem risikofreudig übertragen kann und diesem freiwillig in die Hand gibt, beantwortet. Die Spontanität kann nicht genossen werden, sondern man muss alles kontrollieren, damit es der eigenen Harmonievorstellung entspricht.

Therapie unmittelbar nach versuchter Vergewaltigung

Fünf Tage später wurde ich aus der Mittagspause zu einem Notfall geholt. Eben diese Frau sei in den Bananenfeldern von einem alten Mann mit einem Messer bedroht und körperlich belästigt worden, so dass die Bluse zerrissen war. Kurz vor dem Vollzug des Coitus konnte sie fliehen. Ich traf sie völlig aufgelöst an. Sie hatte blaue Flecken um die Handgelenke und erzählte mir mit dicken Kloss im Hals, dass ein alter, ziemlich hässlicher kleiner Mann sie in den Bananenfeldern verfolgt hat. Plötzlich zog der Mann ein Messer aus der Tasche und bedrängte sie sehr handgreiflich. Sie hatte zwar in deutscher Sprache versucht, mit ihm zu reden, er habe sie aber nur angegrinst und einige Sätze, wohl in spanischer Sprache, gesagt. Als sie erkannte, was er letztlich mit ihr vorhatte, gewann sie dann plötzlich die Kraft sich loszureissen, sei aufgesprungen und losgerannt. Sie ließ dabei einen offensichtlich sehr verblüfften Alten und einen Teil ihrer Bluse zurück. Den ganzen Weg bis zur Pension sei sie dann durchgerannt und könne immer noch nicht frei sprechen.

Direkte Konfrontation bei Schock-Patienten

Die Schilderung des Patienten dient meist dazu, den Therapeuten blindlings die ausgelegte Fährte verfolgen zu lassen und „Mitzuleiden“ anstatt zielgerichtet zu helfen. Wenn der aktuelle Zustand als Symptom, als deutliche Aussage des Unbewussten, etwas ganz Klares auszusagen verstanden wird, kann die korrekte Antwort gefunden und gegeben werden.

Die einzig effektive Möglichkeit, einen Patienten aus einer akuten Schocksituation zu befreien, ist stets die direkte Konfrontation. Heilung findet erst in dem Augenblick statt, wenn ein Mensch sich seiner eigenen Selbstverantwortlichkeit bewußt ist. Alles das, was um uns herum passiert, ist ein Spiegel unseres Inneren. Anders ausgedrückt:

Außen passiert das, was wir uns innerlich wünschen.

Auch Angst vor etwas haben ist ein klar formulierter Wunsch. Diesem Gedanken folgend hatte die Patientin konsequenterweise ihren Vergewaltiger bestellt.

Natürlich ist das ein unbewusster Vorgang und deshalb im üblichen Denkprozess „das Opfer ist gut und der Täter schlecht“ nicht nachvollziehbar. Tatsächlich ist in dem Augenblick das Opfer gleichzeitig Täter und der Täter gleichzeitig Opfer, denn beide wollen unbewusst ein klar definierbares Thema ausdrücken und haben sich quasi dazu verabredet.

Meine erste Frage an die Patientin war:

„Warum haben sie sich denn vergewaltigen lassen wollen?“

Dies erscheint nur im ersten Augenblick hart, denn die Aufmerksamkeit der Patientin wurde sofort auf den Inhalt dessen, was ich gefragt hatte gelenkt. Sie überlegte zuerst, ob sie entrüstet sein sollte, entschied sich aber, darüber nachzudenken, was ich von ihr denn wohl wollte. Der Täter erschien ihr jetzt deutlich als der alte Mann, der er war und hatte damit an Bedrohlichkeit verloren. Sie meinte, ein Herz für alte Männer zu haben, weil sie die schon immer niedlich fand.

Ich bohrte weiter:

„Warum sie ihre Sexualität denn nicht freiwillig ausleben wolle?“

Mittlerweile verzichtete sie auf Ablenkungsmanöver und konzentrierte sich darauf, über meine Fragen nachzudenken und sie zu beantworten. Sie sei die Geliebte eines verheirateten Mannes, der dann zu ihr kommt, wann er es will. Einen Einfluß auf ein Treffen mit ihm habe sie nicht. Oft stehe sie mit ihrem relativ starken Trieb ganz alleine da.

Den Auslöser der Depression finden

Das Gespräch entwickelte sich nun auf einen ganz anderen Kern hin. Die versuchte Vergewaltigung war nicht das Problem, es war der Auslöser, weil damit eine bestimmte Thematik angegangen und verarbeitet werden wollte. Die aktuelle Situation bildete also den Spiegel für einen latent schwelenden Prozeß, der klar gegen die Entwicklung der Patientin als bewusst eigenverantwortlicher Mensch gerichtet war. Sie hatte sich in eine Situation verstrickt, in der ihre körperlichen Bedürfnisse und ihre Entscheidung, nicht Fremdzugehen keine Lösung möglich machten. Tatsächlich wollte sie schon zwei Mal die Beziehung zu dem verheirateten Mann beenden, brachte dies aber nicht fertig. Sie fühlte sich sexuell von ihm derart abhängig, dass sie nicht mehr in der Lage war, ihre getroffene Entscheidung auch umzusetzen. Dieser Mann wollte mit ihr eigentlich in den Urlaub mitfahren, hat dann aber doch kurzfristig noch abgesagt. Somit trat sie die Reise nun alleine und unter anderen Voraussetzungen an. Viel lieber hätte sie ihn in dieser ungezwungenen Atmosphäre so stark versucht an sich zu binden, dass er ihr in Zukunft mehr Zeit mit ihr zusammen ermöglicht hätte. Doch das Ziel war nicht mehr erreichbar. Daher wurde auch die Ankunft am Urlaubsort bereits als „zum Kotzen“ darüber empfunden, dass sie sich selbst etwas über die Absichten des Mannes mit ihr vorgemacht hatte.

Homöpathische Behandlung

Die homöopathische Behandlung der aktuellen Vergewaltigungs-Thematik:

  • Kreosotum

Die Gabe von Kreosotum macht die eigentliche Vergewaltigung bewusst; unabhängig davon, ob sie physischer oder psychischer Natur ist.

Eine Person handelt massiv gegen ihre Bedürnisse, wenn sie meint, sich mit etwas oder jemandem verbinden zu müssen. Häufig sind die inneren Konflikte bereits über einen langanhaltenden Zeitraum vorhanden und wurden aus dem Bewusstsein gänzlich verdrängt. Das derart angestaute eigene innere Potential wird spontan von aussen – meist durch Gewalt – aktiviert.

  • Arnica montana

Die Gabe von Arnica montana macht die eigentliche Verletzung bewusst; unabhängig davon, ob sie physischer oder psychischer Natur ist.

Eine Person hat aufgrund der Verletzung entschieden, sich in sich selbst, in die Einsamkeit, zurückzuziehen. Die Konfrontation mit der Verletzung und die Kommunikation mit anderen wird abgelehnt. Der Konfrontation wird durch Denken aus dem Weg gegangen. Ein anderer Lösungsweg wird abgelehnt.

  • Opium papaver somniferum

Die Gabe von Opium papaver somniferum öffnet die Grenze zwischen Bewusstem und Unbewusstem.

Eine Person hat Konflikte ins Unbewußte verdrängt, um unbeschwert Weiterleben zu können. Es wurde zur Tagesordnung übergegangen, weil ein scheinbarer Neubeginn stattgefunden hat. Opium symbolisiert Tot und Neugeburt.

  • Lyssinum

Die Gabe von Lyssinum macht die ohnmächtige Wut bewusst.

Eine Person fühlt sich gefoltert; unabhängig davon, ob sie physischer oder psychischer Natur ist. Es wird Ruhe und Frieden angestrebt. Ohne dafür Konflikte austragen zu müssen, möchte die Person geliebt werden.

  • Arsenicum album

Die Gabe von Arsenicum album macht die Angst vor dem gewaltsamen Ende der Existenz bewusst.

Eine Person hat Angst davor, durch Gewalt zu sterben. Es wird vorgezogen zu sterben, damit man sich nicht zu verändern braucht. Die Ausweglosigkeit ohne noch mögliche Einflussnahme wird in einer bedrohlichen Situation vorausgesetzt.

Behandlung der latent vorhandenen Vergewaltigungs-Thematik:

  • Lachesis muta

Die Gabe von Lachesis muta macht die unterdrückte Individualität bewusst.

Eine Person passt sich lieber den Umständen an, als alleine zu sein. Es wird sich und anderen etwas vorgemacht. Gefühle werden nicht gezeigt, sondern dem Gegenüber das vorgespielt, was er wahrscheinlich erwartet. Die Situation ist grundsätzlich mit Trennungs- und Verlustängsten verbunden – sollte das Schauspiel auffliegen und man nicht das erreichen, was man möchte.

  • China officinalis

Die Gabe von China officinalis macht das Gefühl, sich in Sklaverei, Abhängigkeit zu befinden, bewusst.

Eine Person fühlt sich hin und her getrieben und kann sich nicht entscheiden, ob Auflehnung oder Unterwerfung die richtige Entscheidung ist. Der eigene Lebensinhalt wird im Kampf gegen das Abhängigkeitsgefühl verdrängt und letztlich vergessen. Das Bedürfnis nach Sicherheit war ursprünglich Grundlage, sich in die Abhängigkeit zu begeben.

  • Hyoscyamus niger

Die Gabe von Hyoscyamus niger macht bewusst, dass man sich um sein Leben betrogen fühlt.

Eine Person hat die feste Überzeugung, doch nicht machen zu können, was man will. Das Unterlegenheitsgefühl wird zur Ohnmacht und man verbleibt in einer aussichtslosen Situation und erwartet, betrogen zu werden. Ist die Person noch kraftvoll genug, betrügt sie andere als Kompensierung dafür, daß das eigene Potential sich nicht entfalten darf.

  • Sepia succus

Die Gabe von Sepia succus macht die große Sehnsucht nach der eigenen Harmonie bewusst.

Eine Person bemüht sich um jeden Preis, die eigenen Vorstellungen durchzusetzen. Die tatsächlichen Möglichkeiten werden nicht genutzt, da sie der Vorstellung in der Phantasie nicht standhalten könnten. Es darf keine Entspannung zugelassen werden, es wird krampfhaft am Leben erhalten.

Fazit und langfristige Entwicklung der Vergewaltigungs-Patientin

Nach einem Patientengespräch von ca. 45 Minuten und der Gabe dieser ausgewählten homöopathischen Arzneimittel in C 50.000 wirkte die Frau ausgeglichen. Sie kam nun ins Überlegen, was sie für sich tun könnte. Für die Weiterbehandlung erhielt sie ein Tropffläschchen mit diesen Mitteln zur 2 x täglichen Einnahme.

Am nächsten Tag erfuhr ich von ihr, dass sie alleine zu dem alten Mann gegangen war. Sie sah in ihm keinerlei Bedrohung mehr und forderte 50,- € für ihre durch ihn zerrissene Bluse. Dieser war so überrascht gewesen, dass er ihr umgehend das geforderte Geld auch bezahlte. Damit war die Angelegenheit für sie erledigt. Sie überraschte sogar die anderen Gäste damit, dass die zuvor unscheinbare „graue Maus“, die nie aufgefallen war, jetzt bunt gekleidet und fröhlich ihren Urlaub ganz offensichtlich genoss.

Etwa 1/2 Jahr später erhielt ich einen Brief von ihr. Sie schrieb, dass sie sich zwischenzeitlich aus ihrer Abhängigkeit zu dem verheirateten Mann gelöst hat. Einen netten Mann hatte sie auch schon gefunden, der sie genauso liebt wie sie ihn und sich offen und ehrlich zu ihr bekennt. Diese Wendung hat mich sehr gefreut und ich wünsche ihr und ihrem Mann von Herzen alles Gute für die Zukunft.

Antonie Peppler

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